vorheriger Meilenstein | nächster Meilenstein

Einführung des metrischen Systems in Österreich

Zeitpunkt:
23.07.1871
Typ: Wissenschaft und Technik (WT)
Euro Wert: 1.043.391.809.828.708.894.832.329,59

Bereits unter Maria Theresia (1717-1780) wurde in den Jahren 1752 bis 1761 versucht, einheitliche Maße auf gesamtstaatlicher Ebene einzuführen. Dennoch gab es auch späterhin noch regionale Abweichungen und Varianten bei den Gewichtseinheiten und -größen, bei Längen-, Flächen- und Hohlmaßen.

Als Grundlage für die Vereinheitlichung der Maße sollte quasi ein „Urmaß“ dienen, eine aus der Natur ableitbare und unveränderliche Richtgröße, die als Maßstab für alle weiteren Entfernungs-, Raum-, Flächen- und Gewichtsbestimmungen dienen sollte. Ein solches, konstantes physikalisches Maß war jedoch bis zum 18. Jahrhundert nicht bekannt und so legte der französische Nationalkonvent am 26. März 1791 den zehnmillionsten Teil der Länge eines Erdmeridians zwischen Nordpol und Äquator als „Naturmaß“ fest und beschloss den solcherart bestimmten „Meter“ als gesetzliche Längeneinheit. Nach entsprechenden Messungen und Berechnungen wurde in Frankreich ein „Urmeter“ hergestellt, von dem in den folgenden Jahren zahlreiche Kopien angefertigt wurden, die als „Maßstab“ bzw. „Normalmaß“ in diversen Ländern dienten; das Original wurde seit 22. Juni 1799 in einem Stahlschrank des Nationalarchivs in Paris verschlossen gehalten, 1889 jedoch durch einen neuen, präziseren Meterprototyp ersetzt, der seinerseits 1960 wiederum einem neuen Exemplar Platz machen musste.

Vom „Urmeter“ wurden weitere Maßeinheiten abgeleitet, und zwar:

  • das „Ar“ als Flächeneinheit für Flurstücke gleich einem Quadrat mit einer Seitenlänge von 10 m;
  • das "Ster" (Raummeter), als Raummaß für geschichtetes Brennholz gleich einem Würfel mit einer Seitenlänge von 1 m;
  • das „Liter“ als Volumeneinheit für Flüssigkeiten gleich dem Inhalt eines Würfels mit einer Seitenlänge von einem Zehntel eines Meters (1 dm);
  • das „Gramm“ als Maßeinheit gleich der Masse reinen Wassers bei der Temperatur des Eispunktes im Ausmaß des Inhalts eines Würfels mit einer Seitenlänge von einem Hundertstel eines Meters (1 cm).

Die Einheiten wurden dezimal, also in Zehnerschritte unterteilt, und lösten damit das bis ins 19. Jahrhundert übliche und weit verbreitete Duodezimalsystem (Zwölfersystem – heute noch erkennbar bei der Zähleinheit „Dutzend“) ab.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts übernahmen nach und nach auch andere Länder das metrische System, so auch die österreichisch-ungarische Monarchie. Mit Datum vom 23. Juli 1871 erließ Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) ein Gesetz, mit dem „eine neue Maß- und Gewichtsordnung festgestellt“ wurde.

Dessen erste beiden Artikel lauteten:

Artikel I.

Die Grundlage des gesetzlichen Maßes und Gewichtes ist das Meter.

Das Meter ist die Einheit des Längemaßes; aus demselben werden die Einheiten des Flächen- und Körpermaßes abgleitet.

Das Kilogramm, gleich dem Gewichte eines Kubikdecimeters destillierten Wassers im luftleeren Raume bei der Temperatur von + 4 Grad des hunderttheiligen Thermometers, bildet die Einheit des Gewichtes.

Die Untertheilungen der Maß- und Gewichtseinheiten, sowie deren Vielfache, werden nach dem decadischen Systeme gebildet.

Artikel II.

Als Urmaß gilt derjenige Glasstab, welcher sich im Besitze der k.k. Regierung befindet, und in der Achse seiner sphärischen Enden gemessen, bei der Temperatur des schmelzenden Eises gleich 999,99764 Millimeter des in dem französischen Staatsarchive zu Paris deponirten Mètre prototype befunden worden ist.

Als Urgewicht gilt das im Besitze der k.k. Regierung befindliche Kilogramm Bergkrystall, welches im luftleeren Raume gleich 999997,8 Milligramm des in dem französischen Staatsarchive zu Paris aufbewahrten Kilogramme prototype befunden worden ist.“

Die im folgenden Artikel angeführten Maße und Gewichte mussten im öffentlich Verkehr ab 1. Januar 1876 ausschließlich angewendet werden, so dass ab diesem Zeitpunkt das metrische System in Österreich allgemeine Gültigkeit erhielt.

(HA)

Gesetz vom 23. Juli 1871, womit eine neue Maß- und Gewichtsordnung festgestellt wird, in: Reichsgesetzblatt für die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder, VI. Stück, ausgegeben am 2. März 1872, Nr. 16, S. 29-34;

Roman Sandgruber, Ökonomie und Politik. Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart [Österreichische Geschichte], Wien 1995;

Wolfgang Trapp, Kleines Handbuch der Maße, Zahlen, Gewichte und der Zeitrechnung, Stuttgart 1998.



Abkürzungsverzeichnis


nternationaler Meterprototyp, Standardbarren aus Platin-Iridium. Dies waren die Längennormale bis 1960. (NIST)
Copyrightvermerk
Google-Earth-Link

Download Google Earth

Links zum Thema:
Steinpate:
WBG Bauträger