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Sturm auf die Bastille eröffnet französische Revolution

Zeitpunkt:
14.07.1789
Typ: Politik und Staatswesen (PS)
Euro Wert: 92.426.178.650.421.953.633.167,57
Bei fast allen großen geschichtlichen Ereignissen ist es kaum möglich, sie auf ein Datum zu fixieren – die langfristigen Ursachen greifen meist weit zurück und es sind oft beinahe unscheinbar wirkende Ereignisse, die – wiederum häufig erst im Nachhinein – zu den zündenden Auslösern epochaler Einschnitte hochstilisiert werden. Dies gilt auch für den Sturm auf die Bastille.

Als am 14. Juli 1789 einige hundert Pariser die Bastille, das verhasste Staatsgefängnis des absolutistischen Frankreichs stürmten, war das in den Augen der Zeitgenossen wohl nur „eine unbedeutende Episode des heißen Sommers 1789“ (Vajda). Rein zufällig befanden sich auch keine politischen Gefangenen in der Bastille, sondern nur sieben Häftlinge (vier Geldfälscher, ein „Sittlichkeitsverbrecher“ [der Marquis de Sade?] und zwei Geisteskranke). Doch die Symbolkraft des Ereignisses war so durchgreifend, dass es im Nachhinein als Auslöser der größten Revolution überhaupt angesehen wurde, die die Alte Ordnung, das „Ancien Régime“ in Schutt und Asche legte und das Zeitalter des modernen Bürgers einläutete: die Französische Revolution.

Die langfristigen Ursachen waren viele und umfassten alle Bereiche der Gesellschaft. Das absolutistische System hatte mit dem Sonnenkönig seinen Höhepunkt und zugleich seine höchste „Perversion“ erlebt, es kippte und richtete sich gegen sich selber. Die folgenden Herrscher konnten die Autorität und das Prestige nicht mehr halten, Versailles verkam zu einem künstlichen Luxusparadies, in dem gelangweilte aristokratische Damen und Herren – allen voran Marie Antoinette, vom Volk nur „Madame Déficit“ genannt – in stets neuen und kostspieligen Spielereien das Staatsgeld aus dem Fenster warfen, während die Bevölkerung an immer wieder kehrenden Hungersnöten litt.

Der Druck „von unten“ nahm ständig zu, sodass sich König Louis XVI im Frühjahr 1789 zu einem „Ablenkungsmanöver“ entschied, das völlig ungeahnte Konsequenzen annehmen sollte. Er stimmte der Einberufung einer Ständeversammlung zu, die über die Finanzkrise des Staates und über eine Steuerreform beraten sollte. Am 5. Mai wurde die Versammlung in Versailles eröffnet. Dort konstituierte sich dann der sogenannte „dritte Stand“ – der Stand der Intellektuellen, Bürger, Bauern und niederen Geistlichen – um eine neue Verfassung für Frankreich auszuarbeiten. Der dritte Stand forderte eine Abstimmung nach Köpfen statt nach Ständen – ein im Feudalsystem völlig undenkbares Prinzip!

Am 17. Juni erklärte sich die Ständeversammlung zur „Nationalversammlung“, am 20. Juni kam es zum Schwur im Ballhaus: die Versammlung schwor, „sich niemals zu trennen, bis die Verfassung errichtet ist“ (Bailly, Präsident der Nationalversammlung) und „nur der Gewalt der Bajonette“ zu weichen (Mirabeau).

Als Louis XVI seine Truppen einsetzte, um die Nationalversammlung gewaltsam auseinander zu jagen, kam es zum Sturm auf die Bastille. Es folgten Bauernerhebungen in ganz Frankreich, eine erste Auswanderungswelle des Adels, der Zusammenbruch der staatlichen Verwaltung und das Entstehen autonomer Gemeinden. Am 4./5. August beschloss die Nationalversammlung die Abschaffung der Feudalordnung und die Bauernbefreiung, es wurde der „Klassenstaat“ statt des „Ständestaats“ ausgerufen und am 26. August kam es zur Erklärung der Menschenrechte: Liberté, Égalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) wurden zu den Schlagworten der Revolution. Grundwerte, die für die Nachwelt blieben, auch als die Revolution dann ausartete und „ihre eigenen Kinder fraß“.

Der 14. Juli ist zum Nationalfeiertag der Franzosen geworden.

(CA)

Hermann Kinder /Werner Hilgemann, dtv Atlas zur Weltgeschichte. Band 2. München, 27. Auflage 1993, S. 295-297.

Stephan Vajda, Felix Austria. Eine Geschichte Österreichs, Wien 1980, S. 403-405.


Abkürzungsverzeichnis


Die Erstürmung der Bastille als Geschichtsmythos (Bild von Jean-Pierre Louis Laurent Houel, veröffentlicht 1789)
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Der Staat muß gerettet werden, auf welche Weise auch immer; es gibt nichts Verfassungswidriges, wenn man dem Untergang entgegengeht. (Robespierre 1792)
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Die Küche - Stefan Malleier, Wörgl